Andreas Prommegger: "Es gibt kein Ablaufdatum"

Andreas Prommegger: Foto: © GEPA
 

Man lernt nie aus.

Auch im eher reifen Sportler-Alter von 40 Jahren kann man noch einiges dazulernen.

Man frage nach bei Snowboard-Ass Andreas Prommegger, der auch nach rund zwei Karriere-Jahrzehnten in dieser so speziellen Saison neue Aspekte kennengelernt hat.

Quasi gleichzeitig lernt der Salzburger auch für die Karriere nach der Karriere, indem er den MBA-Lehrgang im Rahmen von Fokus:Zukunft absolviert.

Im LAOLA1-Interview spricht Prommegger über die anstehenden Saison-Highlights, die verfliegenden Karriere-Jahre, die oftmaligen Fragen nach dem Rücktritt und die Wichtigkeit von Standbeinen abseits des Sports.

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LAOLA1: Was hast du sportlich in dieser Saison gelernt?

Andreas Prommegger: Sehr viel. Es ist sowieso eine eher schwierige Saison, im Corona-Jahr ist alles anders. Ich habe gemerkt, zum Teil geht es auch mit weniger. Ich habe im Training mehr Augenmerk auf Qualität gelegt, da es doch ein wenig schwieriger war, vom Zeitmanagement her alles zu vereinbaren. Ich bin inzwischen schon 20 Jahre in diesem Sport dabei, weshalb ich weiß, worauf es ankommt. Außerdem bin ich froh, dass ich meinen Beruf ausüben darf. Da dürfen wir Sportler uns privilegiert fühlen. Und für mich ist es bisher in dieser Saison eh sehr, sehr gut gelaufen.

LAOLA1: Hilft in dieser Situation die große Routine oder lernt man eine ganz neue Spontanität?

Prommegger: Es gehört beides dazu. Schwieriger ist es für das ganze Team, die Chefs, die Organisatoren – man muss extrem flexibel sein. Im Herbst hat man nicht gewusst: Wo darf man hin? Wie darf man sich bewegen? Im Grunde hätte aber ein großes Team, das wir Österreicher sind, alles reservieren müssen, damit du überhaupt Pisten bekommst, wenn es darauf ankommt. Das erfordert ein hohes Maß an Flexibilität für das ganze Team und natürlich auch für jeden einzelnen Sportler. Aber für mich persönlich ist es nicht ganz so tragisch.

"Ich werde, egal was kommt, auf eine extrem erfolgreiche Karriere zurückblicken, weil ich 2017 mit Doppel-Gold belohnt worden bin. Hätte ich das nicht, wären Großereignisse für mich fast schon ein bisschen ein Graus oder zum Fürchten."

Andreas Prommegger

LAOLA1: Warum nicht?

Prommegger: Weil ich den Druck nicht mehr habe, den vielleicht ein Junger verspürt. Ich weiß, wenn es drauf ankommt, bin ich wieder da. Ich habe diesem Sport 20 Jahre gewidmet. Vor allem beim Parallel-Fahren kommt es doch sehr auf mentale Stärke an. Durch Erfolge und die langjährige Erfahrung ist man schon ein bisschen gestärkt. Darum weiß ich, dass es mir nichts macht, wenn ich einmal das eine oder andere Training, durch die Corona-Situation oder warum auch immer, versäume.

LAOLA1: Apropos da sein, wenn es darauf ankommt. Das eine oder andere Saison-Highlight steht noch an, zum Beispiel die WM in Rogla. Was rechnest du dir aus?

Prommegger: Bei einem Großereignis muss alles passen. Ich habe 15 Jahre gebraucht, bis ich bei einem Großereignis aufzeigen durfte, obwohl ich vorher im Weltcup schon alles gewonnen habe. Ich weiß, an diesem Tag muss einfach alles passen. Speziell im Single-Format brauchst du auch Glück, die nötige Tagesverfassung, das Material muss zu 100 Prozent passen. Rogla ist kein sonderlich schwerer, eher ein flacher Hang. Das heißt nicht, dass es leichter zu fahren ist, für mich ist es sogar schwerer schnell zu sein. Ich habe in Rogla zwar schon gewonnen, bin aber auch schon weniger gute Ergebnisse eingefahren. Wichtig ist aber: Ich weiß, dass ich extrem gut drauf bin. Das habe ich eigentlich die ganze Saison über gezeigt – vor allem im Riesentorlauf, in dem es letztes Jahr noch ein bisschen gehapert hat. Zuletzt auch noch der österreichische Meistertitel – das gibt Selbstvertrauen. Ich weiß, ich kann ganz vorne dabei sein, wenn alles passt. Aber es muss eben passen.

Prommeger krönte sich 2017 zum Doppel-Weltmeister
Foto: © GEPA

LAOLA1: Du hast dich 2017 zum Doppel-Weltmeister gekrönt, Gold-Medaillen sind also nichts Fremdes. Wie sehr hilft das?

Prommegger: Das hilft mir enorm. Denn ich werde, egal was kommt, auf eine extrem erfolgreiche Karriere zurückblicken, weil ich 2017 mit Doppel-Gold belohnt worden bin. Hätte ich das nicht, wären Großereignisse für mich fast schon ein bisschen ein Graus oder zum Fürchten. Bis 2017 bin ich immer wieder enttäuscht worden bei Großereignissen, obwohl ich im Weltcup alles gewonnen habe. Die Medien haben sich zerrissen darüber, wie es das geben kann, dass ein Mann mit diesen Erfolgen bei Großereignissen noch nichts gezeigt hat. Ich hatte zwar öfter gute Ergebnisse – 4., 5., 6, Plätze, aber das zählt halt bei einer WM nichts. 2017 konnte ich dieses Thema abhaken. Natürlich strebe ich auch diesmal nach Medaillen, das ist ganz klar. Das ist auch möglich. Es macht es mir aber viel leichter – sollte es nicht hinhauen, hake ich das ab und fertig.

LAOLA1: Lass uns in diesem Kontext auch gleich die naheliegende Olympia-Frage abhaken. Das ist schon noch eine offene Rechnung, oder?

Prommegger (lacht): Natürlich, aber Olympia ist eben nur alle vier Jahre, und dann musst du an diesem einen Tag voll da sein. Das ist noch schwerer. Es spricht jedoch nichts dagegen, wenn ich sage, ich möchte Olympia noch mitnehmen, weil rundherum wirklich alles passt. Ich bin jetzt doch schon 40 Jahre alt, habe eine Familie mit zwei Kindern und durch meinen Beruf bei der Polizei einen extremen Rückhalt. Denn sozial abgesichert muss ich mit Familie sein. Es spräche nichts dagegen, sofern es heuer noch gut läuft und bisher ist es schon sehr gut gelaufen. Wenn ich den Spaß noch verspüre, hänge ich das Jahr noch dran.

LAOLA1: Auch im Weltcup läuft es gut, die Ausgangsposition ist extrem spannend.

Prommegger: Ich bin mit 35 Punkten Rückstand auf den Russen Dmitry Loginov Zweiter. Neben der WM haben wir noch zwei Einzel-Weltcups. Ich hoffe, die Rennen sind schneetechnisch möglich. Im Weltcup ist in beide Richtungen noch alles möglich. Du kannst gleich beim nächsten Rennen wieder auf den fünften Platz zurückgereiht werden, kannst aber auch als Führender rausgehen. Für mich war der Stellenwert des Gesamtweltcup-Sieges immer schon größer als ein Großereignis, weil du als Sportler mehr erreichen und über das ganze Jahr der beste Athlet sein musst. Das ist natürlich schwerer als an einem Tag da zu sein. Medial zählen natürlich Medaillen mehr. Aber der Gesamtweltcup ist natürlich ein Ziel.

LAOLA1: Und das in einem etwaigen Generationen-Duell. Loginov ist erst 21, Jahrgang 2000.

Prommegger (grinst): Das spricht natürlich für ihn. Aber im Moment bin ich im Slalom richtig gut, obwohl es die schnellkräftigere Disziplin ist, wo du denkst, da müssen einem die jungen Hupfer davonfahren. Aber ich habe letztes Jahr die Slalom-Kugel gewonnen, auch heuer läuft es gut, etwa auch mit Claudia Riegler im Team in Bad Gastein. Es funktioniert also auch in schnellkräftigen Disziplinen sehr gut. Das heißt, auch im Alter brauche ich mich nicht zu verstecken.

"Irgendwie wünscht man sich, dass das alles ein bisschen länger dauert. Andererseits ist jedes Jahr eine schöne Zeit, aus jedem Jahr nimmst du etwas mit."

Andreas Prommegger

LAOLA1: Wer den 40er hinter sich hat, kennt womöglich das Gefühl, dass die Zeit ein wenig verfliegt. Denkt man als Sportler noch mehr: Bist du narrisch, die Zeit ist schnell vergangen?

Prommegger: Ja, schon. Ich bin jetzt schon 20 Jahre im Weltcup. Wie schnell ist denn das verflogen? Seit ich Kinder habe, merke ich eigentlich erst, wie schnell die Zeit vergeht, wie schnell sie groß werden. Lukas sitzt gerade neben mir, er ist schon sechs Jahre alt. Laura ist schon neun. Irgendwie wünscht man sich, dass das alles ein bisschen länger dauert. Andererseits ist jedes Jahr eine schöne Zeit, aus jedem Jahr nimmst du etwas mit. So lange man sich jung fühlt und das machen kann, was man gerne tut, spricht nichts dagegen.

LAOLA1: Sportler rund um die 40 sind immer wieder in aller Munde, zuletzt erst Tom Brady als abermaliger Super-Bowl-Champion. Orientierst du dich auch an anderen Sportarten?

Prommegger: Eigentlich überhaupt nicht. Ich muss in meinem Sport erfolgreich sein und schauen, ob ich in meinem Alter noch mitkomme. Wobei Claudia Riegler ja mit 47 nach wie vor vorne mitfährt. Dann gibt es Athleten wie früher Ole-Einar Bjoerndalen, und das ist noch mal höher anzurechnen, denn in einer Ausdauersportart wie Biathlon mit über 40 noch mit einem 25-Jährigen mitzulaufen, ist schon extrem. Aber es ist schön, wenn man sieht, dass es quer durch die Sportarten Athleten mit 40+ gibt, die immer wieder an der Weltspitze sind. Das heißt, es gibt im Sport kein Ablaufdatum.

LAOLA1: Das Alter und die Zeit nach der Karriere sind für Außenstehende, natürlich auch für Journalisten, immer wieder ein Thema. Weißt du eigentlich noch, wann du erstmals nach einem Rücktritt gefragt worden bist?

Prommegger: Nein, das weiß ich echt nimmer, aber diese Frage ist mir schon sehr, sehr oft gestellt worden. Wie lange fährst du noch? Was machst du dann? Ich habe Gott sei Dank schon früh genug geschaut, dass ich einen Plan B habe. Ich wollte unbedingt zur Polizei. Vorher war ich Heeressportler, was während der aktiven Karriere auch super ist. Aber als 2007 der erste offizielle Sport-Lehrgang mit Athleten wie Thomas Morgenstern, Andreas Kofler oder Julian und Tobias Eberhard einberufen wurde, war ich echt froh, dass ich diese Chance nutzen durfte. Ich wollte mir unabhängig vom Sport ein Standbein aufbauen. Ich könnte jederzeit voll und ganz einsteigen, das ist extrem wichtig für mich.

LAOLA1: Die Polizei ist ein Standbein, dazu absolvierst du derzeit den MBA-Lehrgang im Rahmen von Fokus:Zukunft. Was ist der Hintergedanke dieses Fernstudiums?

Prommegger: Diese Möglichkeit wollte ich unbedingt ergreifen. Mein Snowboard-Kollege Benjamin Karl hat diesen Lehrgang angefangen. Ich habe mich dann informiert und bin ein halbes Jahr später eingestiegen. Folgende Ausgangsposition: Ich bin Leistungssportler, habe eine Familie mit zwei Kindern und bin Polizist. Vom Zeitmanagement her bin ich grundsätzlich schon komplett ausgelastet. Da glaubst du eigentlich gar nicht, dass du nebenher noch etwas machen kannst. Bei Fokus:Zukunft geht das. Ich habe mich ein paar Mal mit Lehrgangsleiterin Sabine Pata telefonisch abgestimmt und mir gedacht: Das muss ich nutzen! Die Idee, einen Master-Lehrgang über die FH Burgenland zu machen, obwohl ich schon komplett ausgefüllt bin, hat mich fasziniert. Ich wollte das probieren und schauen, ob es möglich ist.

LAOLA1: Du schreibst an deiner Masterarbeit, offenkundig war es also möglich.

Prommeger: Es ist wirklich cool, denn ich habe zum Beispiel meine Prüfungen in Schladming ablegen können – zu einem Termin meiner Wahl. Die Präsenztage in Schielleiten haben einen sehr interessanten Austausch mit anderen Sportlern mit sich gebracht. Ich bin jetzt in der Endphase, schreibe die Masterarbeit. Ob Marketing oder Digitalisierung – das sind wirklich interessante Themen, die mich weiter beschäftigen werden. Es würde mich interessieren, da nach der Karriere einen Fuß in die Tür zu bekommen. Auf jeden Fall ist es zu allem, was ich schon habe, ein weiteres Standbein, von dem ich weiß, dass es mir weiterhilft.

LAOLA1: Der Sport hat dir für die Karriere nach der Karriere bestimmt ebenfalls einiges mitgegeben. Was besonders?

Prommegger: Geduld ist extrem wichtig. Man muss Ziele vor Augen haben und die wirklich step by step zu verwirklichen probieren – da spielt Geduld eine extrem große Rolle. Wie oft habe ich in meiner Karriere gehört, man muss bei Großereignissen Geduld haben? 15 Jahre lang ist mir das immer wieder gesagt worden, und ich habe es selbst nicht mehr geglaubt, bis ich Gott sei Dank alle Lügen gestraft habe. Wenn man hart an etwas arbeitet und ein Ziel vor Augen hat, ist alles möglich.

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