Prödl: Letzter Schritt aus dem Tal der Tränen

Prödl: Letzter Schritt aus dem Tal der Tränen Foto: © Udinese Calcio
 

334 Tage sind vergangen, seit Sebastian Prödl am 29. Oktober 2019 zum letzten Mal ein Pflichtspiel für seinen damaligen Klub Watford FC absolviert hat.

Nach 65 Minuten im Ligacupmatch gegen Everton musste der Österreicher passen – die durch ein Knochenödem verursachten Schmerzen im rechten Kniegelenk waren unerträglich geworden.

Zuvor hatte sich Prödl ein Jahr lang drüber geschleppt und auf Besserung gehofft, die trotz intensiver Behandlungen nicht eingetreten war.

Heute steht Prödl erstmals im Kader seines neuen Vereins Udinese Calcio und darf im Auswärtsspiel bei Hellas Verona (15 Uhr im LIVE-Ticker) auf sein Debüt in der italienischen Serie A hoffen.

Schon in der Vorbereitung hatte sich abgezeichnet, dass der 73fache Nationalspieler wieder Licht am Ende des Tunnels sehen würde, als er in sämtlichen Testspielen zum Einsatz kam. Der Kreis, der fast schon wie eine Einbahnstraße in Richtung Karriereende gezeichnet schien, hatte sich geschlossen.

Schlaflose Nächte in London

Rückblende: Am letzten Tag des Transferfensters war Prödl im Jänner überraschend aus der Premier League nach Italien gewechselt, dessen Liga nicht zuletzt durch Galionsfigur Cristiano Ronaldo wieder extrem an Strahlkraft gewonnen hatte.

„Die Entscheidung, London nach fünf Jahren zu verlassen, ist mir sehr schwer gefallen. Aber in England war alles festgefahren, der Trainer hat mich in seine Planungen nicht mehr mit einbezogen und ich hatte schlaflose Nächte, weil ich nicht mehr das Gefühl hatte, die Verletzung wird besser und ich könnte wieder auf höchstes Niveau zurückfinden. Es ist schwer, die Motivation zu aufrecht halten, wenn du kämpfst, aber wochenlang keine Fortschritte machst und bei jedem Schritt Schmerzen hast“, erinnert sich Prödl an dunkle Zeiten.

„Die Prognosen schwankten zwischen drei und 24 Monaten, bis das Ödem abgeheilt wäre. Und ich sollte es akzeptieren lernen, dass es eventuell keinen Weg mehr zurück in den Profifußball geben könnte.“

Hilfe aus Barcelona

Nachdem er sich notgedrungen schon mit dem langsamen Ausklingen seiner erfolgreichen Karriere anfreunden musste, erwachte jedoch wieder der Mann, dem in der deutschen Bundesliga durch einen brutalen Fallrückzieher sämtliche Gesichtsknochen gebrochen wurden und der wenige Wochen später beim Comeback ausgerechnet ein spektakuläres Kopftor erzielte.

Sebastian wurde aktiv, recherchierte, suchte Rat bei Profis mit ähnlichen Problemen, holte Expertisen bei Kapazundern wie dem Tiroler Knie-Guru Christian Fink ein und landete schließlich Mitte März beim spanischen Spezialisten Ramon Cugat. Mitten in der Hochzeit der ersten Corona-Welle, als die Infektionszahlen explodierten und Prödl das Risiko einging, monatelang in Barcelona festzusitzen, weil der Flugverkehr eingestellt worden war.

„Cugat hat mir wieder Hoffnung gemacht. Er sagte mir, dass es einen Weg zurück gebe, aber der werde sehr hart und unangenehm sein“, so Sebastian über den Mediziner, der als Leibarzt von Pep Guardiola und prominenten Patienten wie Andres Iniesta, Lionel Messi oder Xavi höchste Reputation genießt.

Rückendeckung von Udinese

Zusätzlich wurde Prödl durch Udinese Calcio bestärkt, das trotz der schlimmen Verletzung nie den Glauben an ihn verlor.

„Wir haben Sebastian in dem Bewusstsein verpflichtet, dass er uns erst in dieser Saison wird helfen können und sind von seinen Qualitäten auf und neben dem Platz überzeugt. Jetzt freuen wir uns, dass sich die Geduld ausgezahlt hat und er wieder völlig wiederhergestellt und in einem Topzustand ist“, so Udineses Sportdirektor Pierpaolo Marino, der auch auf die große Erfahrung Prödls in der Bundesliga, der Premier League und der Nationalmannschaft setzt:

„Das wird Sebastian helfen, die italienische Liga zu verstehen, denn die Serie A ist eine extrem taktisch orientierte Liga.“

Sobald im hochmodernen Stadio Friuli wieder Fans zugelassen werden, hofft Marino „auch auf viele österreichische Zuschauer, die Sebastian und unseren Klub unterstützen.“

Draufgabe auf die Karriere

„Der Shutdown im Frühling hat mir in die Karten gespielt, ich konnte mich mit Hilfe der kompetenten Physio-Abteilung von Udinese langsam und ohne Druck aufbauen und alle Trainingseinhalten problemlos absolvieren. Auch in den Testspielen hat das Knie stand gehalten und ich habe jetzt wieder Vertrauen in meinen Körper. Nach der langen Leidenszeit genieße ich jedes Training und bin froh, wieder Teil einer Mannschaft zu sein. Ich bin dankbar und glücklich, mich jetzt wieder in einer der stärksten Ligen der Welt beweisen zu können“, atmet Prödl auf, nachdem er zuvor „keinen Zeithorizont“ mehr hatte.

„Niemand konnte mir sagen, ob und wann ich jemals wieder spielen könnte.“

Perfektionist Prödl stellte sogar seine Ernährung massiv um, damit seine Rückkehr gelingt. Nahrungsergänzungsmittel bauten die Muskulatur gezielt auf, Sebastian vermied sämtliche Lebensmittel, die Entzündungen forcieren könnten.

„Sebastian ist ein Musterbeispiel dafür, was eine optimal abgestimmte Ernährung bei einem Spitzensportler bewirken kann. Seine Diät basiert auf Antioxidantien in Form von Obst und Gemüse und die richtige Dosis an Proteinen durch Fisch. Minderwertiger Zucker ist verboten und Fett ist nur in Verbindung mit hochwertigen Omega-3-Säuren erlaubt. Dass Sebastian für diese Innovationen sehr offen war, hat die Zusammenarbeit sehr erleichtert. Aktuell ist Sebastian in einem perfekten Fitnesszustand mit 4 Kilo Muskelzuwachs und einer signifikanten Reduzierung des Körperfetts. Er hat einen Body-Mass-Index wie ein 18-jähriger Jungprofi. Alles gemeinsam war nur durch eine außergewöhnliche tägliche Anstrengung eines echten Champions möglich“, erklärt Udineses Ernährungsberater Antonio Molina Lopez.

„Alles, was jetzt noch kommt, ist eine Draufgabe auf meine Karriere. Meine großes Ziel habe ich schon erreicht – ich kann meinen Job wieder ausüben. Und die erste Minute in der Serie A wird für mich ein ganz persönliches Highlight sein. Dann werde ich wissen, dass es sich gelohnt hat, durch das lange Tal der Tränen zu gehen.“

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