Schnaderbeck: Ein Appell zum Abschied

Schnaderbeck: Ein Appell zum Abschied Foto: © GEPA
 

Als Viktoria Schnaderbeck im Teenageralter beim FC Bayern München anheuerte, war sie vor allem als Cousine von Sebastian Prödl bekannt. Längst ist die Steirerin aber selbst Vorbild und Aushängeschild.

Schnaderbeck personifiziert den Höhenflug des österreichischen Frauen-Fußballteams und gestaltete die "Sommermärchen" 2017 und 2022 als Kapitänin maßgeblich mit. Am Mittwoch gab sie mit 31 Jahren und gemeinsam mit Lisa Makas das Ende ihrer Karriere bekannt.

Die Entscheidung sei bereits in den vergangenen Monaten in ihr gereift. "Mein Wunsch war es immer, mein Karriereende selbstbestimmt bekanntzugeben. Mein Gefühl hat mir gesagt, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist", sagt Schnaderbeck bei ihrer Rücktrittsrede.

"Körperlich bin ich oft an meine Grenzen gegangen, nicht zuletzt bei der EM. Mental habe ich viele Momente gehabt, in denen ich wenig Energie hatte aufgrund meiner Verletzungen und die mir sehr viel Kraft gekostet haben", erklärt Schnaderbeck. "Aber ich hätte mir nie einen schöneren Abschluss vorstellen können als bei und mit der Nationalmannschaft, meiner zweiten Familie. In England bei der EURO hat sich für mich ein Kreis geschlossen. Auf der höchsten Bühne, die der europäische Frauenfußball bisher erlebt hat."

Schnaderbeck: "Mein Weg war nicht immer einfach"

Was mit sieben Jahren auf dem Sportplatz und den Wiesen von Kirchberg/Raab begann, führte Schnaderbeck zu Topklubs in Europa. Mit 16 Jahren wechselte sie mit ihrer langjährigen Weggefährtin Carina Wenninger aus der Steiermark nach München zu den Bayern, ihrem Herzensklub.

"Mein Weg war nicht immer einfach. Als einziges Mädchen unter den Jungs, aber ich hatte viel Glück mit meiner Mannschaft. Mit 16 weg von daheim, mit viel Heimweh im Gepäck. Trotzdem habe ich so viele tolle Sachen erlebt", blickt die mittlerweile 31-Jährige auf den Beginn ihrer Karriere zurück.

"Ich habe früh gelernt: Nichts ist selbstverständlich. Nimm jeden Moment mit den der Fußball dir schenkt."

Mit den Bayern gewann Schnaderbeck, zunächst Mittelfeldspielerin, später Innenverteidigerin, zwei Meistertitel und den Pokal, ehe sie 2018 nach England wechselte und für Arsenal und zuletzt Tottenham auflief. In München begann aber nicht nur ihr rasanter Aufstieg, sondern auch ihre lange Verletzungsmisere. Bei ihrem Pflichtspieldebüt für die Bayern mit 17 Jahren zog sie sich am 24. März 2008 nach wenigen Minuten einen Kreuzbandriss zu.

Das Comeback dauerte auch nicht lange, im Spiel von Bayern II riss im März 2009 neuerlich das Kreuzband im rechten Knie. Die Verletzungen setzten sich mit Meniskusriss, hartnäckiger Entzündung der Patellarsehne und Knorpelblessur fort. Mittlerweile steht Schnaderbeck bei acht Knieoperationen. 

"Ich habe früh gelernt: Nichts ist selbstverständlich. Nimm jeden Moment mit - das habe ich mir versprochen - den der Fußball dir schenkt", sagt Schnaderbeck. 

Schnaderbeck lebte das, was sich viele andere erträumen

Auch die zwei Highlights ihrer Karriere standen aufgrund davor erlittener Knieverletzungen an der Kippe. Doch Schnaderbeck biss sich jeweils durch, wurde rechtzeitig fit und trug sich so im rot-weiß-roten Trikot in die österreichischen Sport-Geschichtsbücher ein. Als Kapitänin führte die Abwehrspielerin das ÖFB-Frauenteam zur erstmaligen EM-Teilnahme, die 2017 in den Niederlanden bis ins Halbfinale führte. Schnaderbeck war in allen fünf Partien dabei.

Das "Sommermärchen" brachte gute TV-Einschaltquoten, animierte in der Heimat erstmals zu Public Viewing bei einem Frauen-Fußballmatch und brachte dem ÖFB-Frauenteam von Trainer Dominik Thalhammer die Auszeichnung zu Österreichs Mannschaft des Jahres 2017.

Fünf Jahre später, vor dem zweiten großen Turnier, gab es für Schnaderbeck so etwas wie ein Deja-vu. Die Leaderin war verletzt, gewann das Rennen mit der Zeit und war beim nächsten Highlight wieder mittendrin. Schnaderbeck führte ihre Kolleginnen am 6. Juli im "Theatre of Dreams", dem Old Trafford Stadion von Manchester United, vor 68.871 Zuschauern beim Eröffnungsspiel gegen Gastgeber England aufs Feld. "Für mich wurde ein kleiner Traum wahr", sagte sie danach.

Auch die zweite EM brachte mit dem Viertelfinaleinzug einen großen Erfolg. Unvergessen bleiben nicht nur die starken Leistungen, sondern bleibt auch die offen ausgelebte Freude. Nach dem Erfolg gegen Nordirland entwickelten sich die ÖFB-Frauen zu wahren "Feierbiestern" mit Kabinenparty und der Stürmung der Pressekonferenz - mit der Kapitänin mittendrin.

"Trotz all meiner Verletzungen und schweren Phasen kann ich mit sehr viel Dankbarkeit auf 15 Jahre Profifußball zurückblicken. Ich habe unbeschreibliche Momente mit meinen Teams erlebt, habe einige Titel und Erfolge feiern dürfen. Etwas, das sich viele erträumen, aber das nicht selbstverständlich ist", gibt sich Schnaderbeck demütig. 

Die Mastersabsolventin der Wirtschaftspsychologie, die seit Jahren als Keynote-Speakerin arbeitet, war aber nicht nur auf dem Rasen Vorkämpferin. Im Dezember 2019 outete sich die Steirerin als erste österreichische Teamspielerin, als sie auf Instagram ein Liebes-Foto mit ihrer Partnerin postete.

Schnaderbeck: "Das bedeutet mehr als die paar Millionen, die die Männer mehr am Konto haben"

Sowohl die langjährige ÖFB-Kapitänin als auch Makas werden nach ihrem Karriereende in den ÖFB-Legenklub aufgenommen, wie Präsident Gerhard Milletich verkündet. 

"Für uns ist das Nationalteam nicht nur eine Mannschaft, für die man spielt, sondern für uns bedeutet es Leidenschaft. Wir haben so viel gegeben, mit Herz und Leidenschaft für dieses Land gespielt. Wenn man dann sieht, dass das wertgeschätzt wird, bedeutet das schon viel. Viel mehr als die paar Millionen, die die Männer vielleicht mehr am Konto haben. Denn das sind doch die Momente, die noch nachhaltiger bleiben", sagt Schnaderbeck. 

"Wenn wir alle wollen, dass diese Reise weitergeht, dann ist es weiter notwendig zu kämpfen und zu investieren. 100 Prozent werden nicht reichen. Es geht darum, diese Extra-Meile zu gehen."

Schnaderbeck über die Zukunft des Frauen-Fußballs

Viel mehr als Auszeichnungen liegt Schnaderbeck aber die Zukunft des Frauen-Fußballs am Herzen. Die 31-Jährige sieht Österreich auf einem guten Weg, hat am Ende ihrer Karriere aber noch einen Appell parat: 

"An alle, die in den Frauen-Fußball mitinvestieren: Die Reise ist nicht zu Ende. Wenn wir alle wollen, dass diese Reise weitergeht, dann ist es weiter notwendig zu kämpfen und zu investieren. 100 Prozent werden nicht reichen. Es geht darum, diese Extra-Meile zu gehen. Ich wünsche das allen Mädels, die jetzt den Traum vom Profi-Fußball haben oder die Österreich aktuell repräsentieren, dass sie diese Bühne bekommen, vielleicht auch in Österreich einmal vor 20 oder 30.000 Zuschauern zu spielen."

Makas: "Damit an dem Punkt nicht Schluss ist für den Frauen-Fußball in Österreich"

Auch Makas sieht eine deutliche Entwicklung des Frauen-Fußballs hierzulande, vor allem seit dem ersten EURO-Erfolg 2017. Rückblickend habe sich alle Mühe bezahlt gemacht. 

"Wenn wir das durchleben und kämpfen mussten, damit der Weg für junge Mädels leichter ist, dann würde ich den Weg genau so nochmal gehen", sagt die 30-jährige Stürmerin. 

Auch die vermehrte mediale Präsenz sei extrem wichtig für den Fraußen-Fußball. Deshalb sagt Makas in Richtung der Presse: "Bitte hört's nicht auf, bitte macht's weiter. Gebt's den Leuten einfach Gesichter der Fußballerinnen, zeigt's auf, was für Mädchen möglich ist, damit sie Vorbilder für sich finden können. Damit einfach an dem Punkt nicht Schluss ist für den Frauen-Fußball in Österreich."

Schluss ist hingegen für Makas und Schnaderbeck - zwei Aushängeschilder und Ausnahmespielerinnen. 

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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