Gerhard Berger: "Das ist ein Jackpot für die DTM"

Gerhard Berger: Foto: © GEPA
 

Ausstieg der Hersteller, das frühere Class-1-Reglement am Ende, Neuaufstellung in wenigen Monaten im Winter 2020/21: Gerhard Berger hatte als Serienchef der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft allerhand Sorgen und Arbeit.

Doch am Wochenende beginnt im Autodromo Algarve in Portimao das zweite Jahr als GT3-Serie – noch dazu mit dem neunfachen Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb (48) als Gastfahrer im AlphaTauri-Ferrari.

Dazu kommt so viel Österreich in die Serie wie nie zuvor: Lucas Auer (Mercedes), Philipp Eng (BMW) sowie die Neulinge Clemens Schmid (Lamborghini) und Thomas Preining sowie mit Grasser Racing aus Knittelfeld ein Lambo-unterstütztes Team mit enormen Langstreckenerfahrungen. Mit Nicki Thiim (Lambo), René Rast (Audi), Mirko Bortolotti (Lambo) und David Schumacher (Mercedes) sowie dem Grasser-Teamleiter und Ex-Champion Manuel Reuter sind fünf Wahl-Österreicher dabei.

Im Interview mit LAOLA1-Kolumnist Gerhard Kuntschik verweist Berger auch auf die schwierige politische und wirtschaftliche Lage, die auch vor der DTM nicht haltmacht.

LAOLA1: 29 Autos, 14 Teams, sechs Marken, 30 Fahrer aus 16 Ländern, da muss der Serienchef doch zufrieden sein, oder?

Gerhard Berger: Ja, bin sehr happy. Das lässt sich herzeigen. Wir haben die härteste GT-Meisterschaft der Welt. Mich haben viele Leute im F1-Fahrerlager von Imola angesprochen, die DTM erweckt jetzt viel mehr Interesse. Wir sind in dieser Kategorie das Maß der Dinge geworden.

LAOLA1: Wie einfach oder schwierig war es, die DTM so aufzustellen?

Berger: Das Produkt passt, aber alles ist noch immer sehr schwierig. Zuerst Covid, jetzt der Krieg. Man merkt auch in Europa, dass die Fans wieder zu den Strecken wollen. Ich hoffe, speziell in Deutschland auf wieder mehr Zuspruch. Die ersten Rennen in Portugal und Italien werden nicht so einfach, weil da keine Tourenwagen-Tradition aufgebaut und die DTM wohl etwas weit weg ist. In Deutschland läuft der Kartenverkauf sehr gut.

LAOLA1: Heißt das, in Zukunft wieder mehr Fokus auf deutsche Schauplätze?

Berger: Nein, ich will international bleiben, auch wenn das über Nacht nicht funktioniert und mühsam ist.

LAOLA1: Was wäre für fich das Maximum an Rennen/Schauplätzen?

Berger: Zwölf Wochenenden als Maximum, acht als Minimum.

LAOLA1: Der Zuspruch von Fahrerprominenz ist erstaunlich. Warum?

Berger: Es gibt in dieser Kategorie nichts Besseres. Wir haben herausragende Fahrer, René Rast ist als dreifacher Champion zurück, Nicki Thiim war schon GT-Weltmeister, Mirko Bortolotti ist ein toller, nun permanenter Zugang. Und von Sébastien Loeb will ich gar nicht reden, das ist ein Jackpot, dass ihm Red Bull die Chance gibt.

LAOLA1: Hast du diesen Boom erwartet oder gar kalkuliert, als du die DTM Ende 2020 umgekrempelt hast?

Berger: Nein, gar nicht. Ich habe emotional für den Sport, gehandelt, mit dem Rennfahrerherz. Rein aus geschäftlicher Sicht hätte ich das alles gar nicht machen dürfen! Es war eine Entscheidung, für etwas zu stehen, wofür man sich früher entschieden hat. Man muss auch loslassen können, wenn es nicht geht, und ich würde das auch machen. Aber es ist diesen Versuch wert, das wertvolle Asset DTM weiterzuführen. Wir haben die Basis geschafft, aber die Kür muss noch kommen. Das sind 30.000, 40.000 Fans an den Strecken, die richtig Emotionen zeigen. Das wird aber noch zwei, drei Jahre dauern.

LAOLA1: Vor Rückschlägen außerhalb deines Einflussbereiches bist du ja nicht gefeit, wie die Pandemie und der Krieg zeigen. Ist es wirtschaftlich nicht sehr schwierig, vor allem, was auch Sponsoren betrifft?

Berger: Die Planung ist extrem schwierig in einer Phase, in der es wirtschaftlich bergab geht. Da spart jeder ein. Wo wird gespart? Im Marketing und dann beim Sport, Rennsport. Dazu kommt der Weg der Elektrifizierung bei allen Herstellern, was weitere Schwierigkeiten bringt. Das Interesse der Sponsoren ist derzeit mäßig. Wir haben unseren Kernmarkt in Deutschland, und der ist eben in Problemen.

LAOLA1: Wie kam eigentlich das Engagement des neunfachen Rallye-Weltmeisters Loeb zustande?

Sébastien Loeb als Gastfahrer im AlphaTauri-Ferrari.
Foto: © Red Bull Contentpool

Berger: Red Bull hatte das Problem, dass der DTM-Kalender mit Serien kollidiert, in denen RB-Nachwuchsfahrer engagiert sind. Dann kam die Idee von Red Bulls Manager Thomas Überall mit Sébastien, was natürlich super ist.

LAOLA1: Wer ist für dich Favorit?

Berger: 15 Fahrer können die Meisterschaft gewinnen. Mit mehr Nachdenken – vielleicht sogar 20!

LAOLA1: Nach der umstrittenen Titelentscheidung im Vorjahr in Nürnberg hast Du ja auch am Verbot einer Stallorder mitgewirkt…

Berger: Es klingt komisch, wenn man sagt, so etwas will ich nicht mehr sehen. Aber es soll wirklich der Sportsgeist im Vordergrund stehen.

LAOLA1: Wie viel Einfluss haben die Hersteller noch auf die Teams? Kann der zu weiteren Kostensteigerungen führen?

Berger: Ich glaube, sie reden ausreichend mit, weil sie ihre Marken auf dieser Plattform gut aussehen lassen wollen. Im Hintergrund ist die DTM schon noch Hersteller-getrieben.

LAOLA1: Ist die Plattform mit Trophy, Classics und so weiter schon perfekt aufgestellt?

Berger: Ehrlich gesagt, hätte ich gern eine Monoposto-Nachwuchsserie dabei. Aber F2, F3 und W Series fahren schon bei der F1.

LAOLA1: Die DTM beginnt heuer die Kooperation mit Wings For Life. Zu Gunsten der Rückenmarksforschung werden z. B. Rennutensilien versteigert. Wie kam es dazu?

Berger: Durch Gespräche mit CEO Anita Gerhardter. Und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie knapp ich am Rollstuhl bei einem Verkehrsunfall 1984 vorbeischrammte und mehr Glück hatte als viele andere. Da war die Unterstützung für Wings For Life naheliegend.

LAOLA1: Dein persönlicher Wunsch für diese Saison?

Berger: Dass wir am Jahresende für den nächsten Schritt bereit sind.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

KOMMENTARE..