Norbert Haug: Die Gründe für die "Stern-Krise"

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Auch wenn Norbert Haug mittlerweile als Mercedes-Sportchef schon fast zehn Jahre in "Pension" ist, so beobachtet der aus Pforzheim stammende Ex-Journalist immer noch penibler die Rennszene – speziell natürlich Formel 1 und DTM.

Und der 69-jährige Deutsche ist im automotiven Bereich als Beirat bei Schäffler-Paravan (entwickelt mit "Space Drive" ausfallsichere Drive-by-wire-Systeme) tätig.

Ein Gespräch von LAOLA1-Kolumnist Gerhard Kuntschik nach dem DTM-Auftakt und vor der F1-Fortsetzung samt Premiere im Süden Floridas nahe der Alligator Alley am Wochenende:

Es fällt auf, dass Haug Diplomat genug ist, in der Beurteilung der Formel-1-Situation "seines" Teams kein negatives Wort über Nachfolger Toto Wolff oder seine Mannschaft zu verlieren – nach deren 15 WM-Titeln klarerweise.

Und so meint Haug über die "Stern-Krise" vorsichtig: "Dazu kann ich nur eine Ferndiagnose versuchen. Der W13 sieht ganz anders aus als seine Konkurrenten. Die Kühler sind komplett anders platziert. Die große Fläche unter dem Auto, die Abtrieb generieren soll, kann offenbar nicht genutzt werden. Wenn das Hüpfen, das Porpoising, kuriert werden kann, kann es plötzlich ganz anders laufen."

Haug meint weiter: "So wie Hamilton in Imola unterwegs war und nach zwei Dritteln der Distanz überrundet wurde, ist das ganz starker Tobak. Vielleicht haben auch die Streckentemperaturen dazu beigetragen. Ein vierter Platz für Russell ist toll, entspricht aber nicht der aktuellen Leistungsklasse. Die Realität ist eher bei Hamilton. Jetzt muss das Team alles in Ruhe abarbeiten."

Haug schreibt Mercedes nicht ab

Ist für Mercedes schon nach vier von 23 (oder 22) Rennen alles verloren?

Haug sagt nein: "Eine Saison darf man nie abschrieben. Wenn du 17. bist, musst du versuchen, 15. oder besser zu werden, so dämlich sich das anhört. Aber du musst dranbleiben, du kannst nicht die Hände in den Schoß legen. Ich dachte schon, dass sich der Knoten schneller lösen ließe. Vielleicht sieht es in den nächsten Rennen schon anders aus. Mit dem Ausgabenlimit wird es natürlich schwieriger, einen Rückstand aufzuholen, weil auch die Windkanalarbeit limitiert ist. Und dazu kommen die Probleme aller durch die allgemeine Inflation."

"Ich vermute, Mercedes hat einen Fehlschuss mit dem neuen W13 gehabt. Da muss man eben retten, was zu retten ist."

Norbert Haug über Mercedes

Also muss jetzt Erste Hilfe funktionieren: "Ich vermute, Mercedes hat einen Fehlschuss mit dem neuen W13 gehabt. Da muss man eben retten, was zu retten ist."

Haug gibt die Hoffnung nicht auf: "Ich prognostiziere nicht, dass das sofort gelingt, sage aber, es ist nicht im Bereich des Unmöglichen. Das Wichtigste ist, dass du dich als Chef vor dein Team stellst und die Mauer machst. Da muss man besser ein Schönredner gegenüber Vorstand, Presse, Partner sein als sein Team offen zu kritisieren. Keine Schuldzuweisungen, sondern Stück für Stück die Probleme abarbeiten."

Hat Hamilton keine Lust mehr? Haug macht sich keine Sorgen

Und zur Diskussion über den Motivationsstand von Lewis Hamilton meint Haug, der mit ihm über Jahre zusammenarbeitete: "Ich denke nicht, dass Lewis die Lust verlieren wird. Er hat zwei Mal den Titel verloren, 2007 in Schanghai in seinem ersten F1-Jahr durch eine falsche Entscheidung in unserem Team (McLaren-Mercedes, Anm.) und 2021 durch eine falsche Entscheidung der FIA. Sonst hätte er schon neun Titel."

Der Deutsche präzisiert: "Ich sage nicht, Verstappen verdient den Titel nicht, aber so sind die Fakten. Die fahrerische Leistung von Lewis entspricht neun WM-Titeln, jetzt läuft er dem achten hinterher. Klar will er den noch erreichen."

Und weiter meint er: "Ich mache mir keine Sorgen, dass Lewis die Motivation verlieren könnte. George Russell holte das Maximum heraus und profitierte von Ausfällen von Konkurrenten, die eigentlich vor ihm gelegen wären, aber du musst halt auch im richtigen Moment zur Stelle sein, und das hat er sehr gut gemacht."

An markigen Sprüchen hat es Haug (wir wiederholen uns: Ex-Journalist!) nie gemangelt. So sagt er auch: "Wir erleben einen Generationenwechsel in der Formel 1. Nicht nur durch Verstappen, auch durch Russell, Norris ist ein Knaller schlechthin, genauso Leclerc, wenn ihm nicht öfters Schnitzer wie in Imola passieren."

Das Resümee: "Im Duell Ferrari gegen Red Bull hätte ich nach Melbourne gesagt, der Fisch ist geputzt! Nach Imola war alles wieder anders. Schauen wir mal weiter!"

Haug lobt Bergers "neue" DTM

Zur "neuen" DTM von Gerhard Berger erklärt der 69-Jährige: "Da ist was Gutes passiert, obwohl die Voraussetzungen nicht schwieriger hätten sein können. Da wurde gute Arbeit geleistet – vor allem in einer Situation, als viele meinten, es geht nichts mehr. Das ist das Wesen eines Überzeugungsmanagements. Klar ist eine Neuaufstellung mit Risken verbunden, auch für die Teams. Doch alle zeigten ihre Begeisterung für den Sport, aus reiner Profitgier hat da niemand mitgemacht."

Und Haug urteilt weiter: "Jetzt gilt es, die Entwicklung zu stabilisieren, mögliche neue Ausgaben müssen vermieden werden. Denn jeder – Veranstalter, Teams, Organisation – arbeitet am Limit. Es ist toll, dass es diese große Zahl der Autos gibt und spannende Rennen. Ich war ja Miterfinder der Class 1 (Silhouetten-Werksautos, Anm.), aber ich trauere der letzten Stufe nicht nach. Die wurde einfach zu teuer."

Was neu ist und was kommen wird, sieht er so: "Es gibt natürlich spektakuläre Neuerungen wie den Indianapolis-Start, der gefährlich werden kann. Da ist dann schon die Disziplin aller gefragt. Aber das Spektakel ist mega. Eine Elektro-DTM wird sicher teuer werden. Das größte Problem wird die Reichweite sein und nicht die Power. Es wird schwierig, das Auto darzustellen und verschiedene Wettbewerber zu haben. Aber wer weiß, wohin sich der Sport entwickelt – vielleicht fahren in zehn Jahren die Microsofts und Apples gegeneinander!"

Haug: "Ich halte nichts vom Hybridweg"

Ein Freund von Hybridantrieben (die ja die Formel 1 noch weiter forcieren wird) ist Haug nicht gerade, wie er prägnant formuliert zugibt: "Ich halte nichts vom Hybridweg, zwei Motoren in einem Fahrzeug sind Verschwendung. Das ist der Versuch, ein grünes Röckchen umzuhängen, und grün ist, wie wir wissen, meistens nicht nachhaltig. Ich bin für nachhaltig, und das muss von A bis Z durchdacht sein. Die Elektromobilität im Alltag wird nicht zu stoppen sein, auch wenn noch große Hürden im Bereich der Ladeinfrastruktur und der Reichweiten zu nehmen sind. Aber der Weg ist eingeschlagen. Ob man mit diesen Autos Motorsport treiben kann, muss sich zeigen. Aber den Weg zu erforschen, ist sicher richtig."

In Portimao war Haug vor Ort, um die neue DTM-Saison mit 29 Autos zu beobachten. Das erste Urteil fällt positiv aus: "Schon das erste Wochenende zeigte, wie eng die Konkurrenz beisammen ist, wie gering die Zeitenunterschiede sind. Der Kreis der Titelanwärter war noch nie so groß. Aber wenn du einmal ausfällst, einmal außerhalb der Punkte landest, kann das schon wieder viel verändern. Es ist eine Binsenweisheit, aber die Regelmäßigkeit wird den Ausschlag geben, auch wenn Konstanz heuer ganz schwierig zu erreichen sein wird."

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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