Rodionov: "Nr. 1? Habe ich mir anders vorgestellt"

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Österreichs Nummer eins im Herren-Tennis heißt Jurij Rodionov!

Der Weltranglisten 130. ist zwar froh, diesen "Meilenstein" erreicht zu haben, gibt aber auch zu, dass es ein "lauwarmes" Gefühl war, auf diese Weise zum langersehnten Traum zu kommen.

Mit dem Triumph in Mauthausen vergangene Woche auf dem "Nicht-Lieblingsbelag" Sand überholte der 22-Jährige Dominic Thiem in der ATP-Weltrangliste.

Nach dem fünften Challenger-Titel seiner Karriere und dem bereits zweiten in dieser Saison hat der Niederösterreicher nur ein Ziel vor Augen: Die Top-100!

Im Interview mit LAOLA1 gibt Österreichs neue Nummer eins Einblicke in die Gefühlswelt nach dem Heimtitel, erläutert die Bedeutung des erreichten "Meilensteins" und führt auch ungeschönt durch Phasen seiner Karriere, wo es nicht immer so rosig lief.

LAOLA1: Was wärst du eigentlich geworden, wärst du kein Tennisprofi?

Jurij Rodionov (lacht): Ich hatte nicht wirklich einen Plan B, weil ich gleichzeitig Fußball und Tennis gespielt habe und bei beiden Sportarten Spaß hatte. Also entweder Fußballspieler oder in einem Beruf, wo ich reden kann. Kein Kommentator, aber vielleicht Psychologe oder Motivationstrainer.

LAOLA1: Wie gut kann ein Spieler vom Tennis leben, der im Ranking zwischen 100 und 200 steht?

Rodionov: Das kommt darauf an, wie professionell du dein Team gestaltest. Wenn man nur einen Trainer hat und selbst versucht fit zu bleiben, sich eigene Programme schreibt, nur bei Turnieren einen Physio verwendet, den man nicht selbst bezahlt, dann kann man schon ganz gut leben davon, weil du einfach fast keine Ausgaben hast. Keine Ausgaben ist gut (lacht): Flüge und Hotels musst du selbst zahlen, hast halt quasi nur einen Angestellten. Wenn man so ein Team wie ich hat, also einen stationären Coach, eine Turnierbegleitung, einen eigenen Fitnesstrainer, Physio, Bespanner etc., dann wird das recht eng. Dann muss man sich schon Gedanken machen, wo man am Besten Geld einspart.

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LAOLA1: Auf der Challenger Tour insbesondere werden Erst- oder Zweitrundenniederlagen ja nur sehr bescheiden vergolten. Ist das ein Minus-Geschäft?

Rodionov: Bei 80er-Challengern bekommt man für ein Viertelfinale 1.200 Euro, und da sind die Steuern noch nicht inkludiert. Man muss zuerst die Steuern in dem Land zahlen, in dem man gespielt hat, und den Rest auch noch in Österreich versteuern lassen. Von den Reisekosten ganz zu schweigen. Schätzungsweise sind das nach der Steuer also 700-800 Euro, und die Reisekosten machen meistens ähnlich viel aus. Es kann also sein, dass man ins Challenger-Viertelfinale kommt und bei null aussteigt.

LAOLA1: Die Grand-Slam-Qualifikationen locken da im Vergleich mit deutlich mehr Geld.

Rodionov: Ja, für ein Ausscheiden in der ersten Quali-Runde gibt's 15.000 Euro. Das ist auch der einzige Weg, wie man sich als Tennispieler noch im Plus halten kann, abgesehen natürlich von den Klub-Matches. Sehr viele Spieler, die in den Weltranglistenplätzen 80-400 stehen, spielen jeden Sommer in Deutschland, Österreich, in der Schweiz, Italien oder Frankreich für Klubs, weil das eine Extra-Einnahmequelle ist, ohne die sie ihr Tennisleben nicht gestalten könnten.

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LAOLA1: Letzte Woche hast du deinen fünften Challenger-Titel in Mauthausen gefeiert. Es war vielleicht punktemäßig nicht dein größter Sieg, aber der süßeste Triumph?

Rodionov: Ja, auf jeden Fall. In der Heimat zu spielen, ist immer eine große Ehre. Es ist immer etwas Spezielles für mich, von den heimischen Fans gepusht zu werden. Von dem Gefühl kann man nie genug kriegen. Das bringt mich oft zum Schmunzeln. Im Davis Cup in Innsbruck ging das zuletzt leider nicht, weil da keine Zuschauer anwesend waren, aber in Graz beim Spiel gegen Cuevas, diese Emotion, die man fühlt, die kann man einfach nicht beschreiben. Das ist wirklich einmalig und einzigartig.

LAOLA1: Jetzt bist du tatsächlich Österreichs Nummer eins. Wie hört sich das für dich an? Immer noch ein bisschen surreal?

Rodionov: Es war für mich immer ein Meilenstein, Österreichs Nummer eins zu werden. Dementsprechend bin ich sehr froh, dass ich das von meiner Liste streichen kann. Ich hab mir das aber immer anders vorgestellt. Dass ich zum Beispiel mein erstes Grand-Slam-Viertelfinale erreiche und um die Top-20 kämpfe. Es ist etwas bitter, dass wir das erste Mal seit 1986 keinen Top-100-Spieler mehr haben und es ist ein lauwarmes Gefühl, dass ich als Nummer 126 die neue Eins in Österreich bin. Trotzdem ist es für mich ein Meilenstein und ich bin mir auch sicher, dass wir schon sehr bald wieder einige Top-100-Leute haben.

LAOLA1: Wer knackt außer dir in den nächsten Jahren aus rot-weiß-roter Sicht die Top-100?

Rodionov: Im Doppel würde ich auf jeden Fall Alexander Erler und Lucas Miedler sagen. Ich denke auch, dass sie sich dort etablieren können. Dennis Novak könnte auf jeden Fall in die Top-100 kommen, er hat ja auch schon gezeigt, wie das geht. Sebastian Ofner hat auch gerade erst einen Challenger gewonnen. Er ist ja erst 25. Mindestens fünf gute Jahre auf der Tour sind das auch noch. Lukas Neumayer und Sebastian Sorger können das auf jeden Fall auch schaffen, aber ich bin Spieler und kein Trainer. Um das einzuschätzen gibt es qualifiziertere Ansprechpartner.

LAOLA1: Wie kann denn jemand, der im Ranking außerhalb der Top-100 steht, Österreichs Nummer eins sein? Du bist beruflich oft unterwegs und siehst viel. Was haben andere Länder Österreich im Tennis voraus?

Rodionov: Gute Frage, da müsste ich wahrscheinlich selber jemanden anrufen, um mir das zu beantworten. Ich kann da nicht wirklich viel dazu sagen.

LAOLA1: Es gab zum Beispiel einen chronischen Mangel an heimischen Challenger-Turnieren.

Rodionov: Es gab aber dafür in Österreich jeden Sommer zehn Future-Turniere und auch zwei ATP-Events. Das ist für ein Land wie Österreich nicht wenig. Dass es keine Challenger gab, war schade, aber mittlerweile haben wir wieder drei und das finde ich extrem gut. Wir hatten ja auch etliche Jahre einen Top-10-Mann. Deswegen denke ich auch nicht, dass es so schlecht sein kann.

LAOLA1: Du bist, was dein Ranking angeht, offensichtlich immer am Laufenden. In der offiziellen Rangliste bist du ja noch die 130. Hast du eigentlich gewusst, dass der Finalsieg in Mauthausen dich in diese Spähren heben wird? Hat das eine Rolle gespielt?

Rodionov: Lustigerweise bin ich ein Spieler, der jedesmal schaut, wie viele Punkte ich bekomme oder wo ich gerade im Ranking stehe. Ich war mir im Klaren, was auf dem Spiel steht.

"Es ist etwas bitter, dass wir das erste Mal seit 1986 keinen Top-100-Spieler mehr haben und es ist ein lauwarmes Gefühl, dass ich als Nummer 126 die neue Eins in Österreich bin."

LAOLA1: Du spielst in diesem Jahr konstant wie nie zuvor. Was braucht es noch, um den Schritt von der Challenger- auf die ATP-Tour zu machen?

Rodionov: Die Konstanz, die du erwähnt hast, brauche ich für ein ganzes Jahr. Ich denke, dass ich in den letzten zwei bis vier Monaten wirklich konstant gespielt habe und auch im letzten Jahr im Training konstant gut gearbeitet habe. Aber diese Konstanz brauche ich für eine ganze Saison. Sie so lange konservieren zu können, ist das Einzige, was mir noch fehlt.

LAOLA1: Im ATP-Live-Race bist du gerade die 83. Also einfach so weitermachen und du bist am Ende des Jahres Top-100-Spieler. Hast du ein Zielranking für diese Saison ausgegeben?

Rodionov (lacht): Ich habe damit aufgehört. Mein Fokus liegt auf dem Weg und nicht am Ziel. Wenn ich mein Spiel spiele und weiter an mir arbeite, dann werde ich mein Ziel schon erreichen. Ob ich dann 49. oder 59. bin, spielt für mich keine Rolle. Es ist nur wichtig, dass ich mein Spiel entwickle und zufrieden bin mit meinem Tennis.

LAOLA1: Also du hast dir keine Deadline gesetzt, wann es mit den Top-100 klappen soll?

Rodionov: In den Top-100 möchte ich schon seit sechs bis sieben Jahren stehen (lacht). Mit 18 oder 19 habe ich mir solche Ziele noch gesetzt, aber dann ist der Fokus auf den falschen Dingen. Dann rechne ich mir dauernd aus, wie viele Punkte ich noch brauche. Das ist einfach nicht das, auf was ich mich fokussieren muss.

LAOLA1: Kommt bei einem wichtigen Break- oder Matchball nicht manchmal der Gedanke: Wenn der sitzt...?

Rodionov: Ich habe es geschafft, das auszublenden. Wenn ich im Match bin, bin ich voll im Tunnel. Da ist es egal, was der Outcome sein kann. Ich fokussiere mich 2-3 Sätze nur auf mich und die Umwelt blende ich aus.

LAOLA1: In den nächsten Tagen geht es nach Paris zur French-Open-Qualifikation. Ein Turnier, wo du deinen bisher einzigen Major-Hauptfeld-Sieg feiern konntest. Was sind die Ziele für dieses Jahr?

Rodionov: Auf jeden Fall die Qualifikation zu überstehen. Das Ziel hab ich mir selbst gesetzt und ich denke, wenn ich die Konstanz beibehalte, habe ich auch sehr gute Chancen.

LAOLA1: Letztes Jahr hast du einige Highlights gehabt, wie das ATP-Halbfinale in Stuttgart, um dann im nächsten Spiel gegen jemanden jenseits der 500. Weltranglistenposition zu verlieren. Wie erklären sich die zwei Gesichter des Jurij Rodionov?

Rodionov: Letztes Jahr hatte ich etwas Pech mit kleinen Verletzungen. Ich war zweimal gleich für mehrere Wochen krank und hatte immer wieder kleine Wehwechen, die mich ausgebremst haben. Im Profisport kann so ein kleines Wehwechen deinen Fortschritt von mehreren Monaten zunichtemachen. Das hat man auch an den Ergebnissen sehen können, dass ich immer einige Wochen gut in Form war und dann wieder schwächle. Daran habe ich auch gearbeitet, dass solche Sachen nicht mehr passieren und bis jetzt ist es mir 2022 recht gut gelungen.

LAOLA1: ATP-Halbfinale auf Rasen, Challenger-Turniersiege auf Sand und Hartplatz. Hast du eigentlich eine Präferenz, da du ja auf allen Belägen gut klarzukommen scheinst?

Rodionov: Am wohlsten fühle ich mich eigentlich auf Hartplatz. Das ist quasi wie meine Couch in meinem Wohnzimmer. Auf Rasen spielt man ja sowieso nur vier Wochen im Jahr. In Österreich hat man auch nicht die Möglichkeit, das zu trainieren. Deswegen braucht man da immer 1-2 Jahre, um reinzufinden oder einen wirklich guten Coach. Deswegen hat es ein bisschen gedauert. Am Anfang meiner Karriere mochte ich Rasen nicht besonders, weil ich nie darauf spielen konnte. Auf Sand ist für mich die Transition von Hartplatz wirklich unangenehm, da brauche ich immer eine Eingewöhnungszeit. Vor Mauthausen habe ich ja drei Sand-Turniere gespielt und nur zwei Matches gewonnen, weil ich einfach mehr Zeit brauche, mich an Sand zu gewöhnen. Aber wenn ich einmal drin bin, kann ich auch gut spielen.

LAOLA1: Der Wechsel von Hartplatz auf Sand fällt dir schwer. Ist es umgekehrt auch so?

Rodionov: Ich könnte jetzt ein halbes Jahr auf Sand spielen, dann zwei Stunden auf Hartplatz trainieren und wäre wieder wettkampfbereit. Ich fühle mich da einfach am wohlsten. Von der Spielstärke her könnte ich gar nicht sagen, wo ich am besten spiele, weil ich auf jedem Belag schon richtig gute Resultate hatte.

LAOLA1: Sogar bei Dominic Thiem wurde die Rasensaison immer als Achillesferse ausgemacht, Daniil Medvedev tut sich auf Sand ganz schwer. Bei dir scheint es keine Schwächen diesbezüglich zu geben.

Rodionov: Vielleicht Teppich (lacht), aber zum Glück gibt es fast keine Turniere mehr auf Teppich.

LAOLA1: Inwiefern kommt der Hardcourt deinem Spiel so entgegen?

Rodionov: Ich denke, dass das von der Motorik her am besten passt. Auf Sand ist für mich das Rutschen das größte Problem. Da muss ich mich immer lange vorbereiten und einüben, wann ich rutsche und wie ich mein Körpergewicht verlagere. Da muss ich auch höher spielen, etwa 2-3 Meter über dem Netz. Ich fühle mich wohler, wenn ich den Ball direkt nehmen kann. Es sind einfach kleine Nuancen, die im Endeffekt einen großen Unterschied machen.

LAOLA1: Was sagst du zum bisherigen Comeback von Dominic Thiem?

Rodionov: Es ist schwer für ihn. Die Verletzung, die er am Schlagarm hatte, ist wahrscheinlich eine der Schlimmsten, die man als Tennisprofi haben kann. Er braucht seine rechte Hand, ohne die kann er nicht Tennis spielen. Aber ich glaube, bei ihm ist es mehr eine Confidence-Sache, dass er einfach noch ein bisschen Zeit braucht, um wieder Vertrauen in seine Hand zu bekommen. Ich wünsche ihm natürlich alles Gute und ich wünsche mir, dass er bald wieder in Form kommt.


Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

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