Kein Top-100-Spieler: "Das ist wirklich bitter!"

Kein Top-100-Spieler: Foto: © GEPA
 

Nun ist es amtlich: In der am Montag veröffentlichten neuen Herren-Weltranglistenliste findet sich in den Top 100 kein einziger Österreicher mehr.

Zuletzt war dies am 18. April 1986 der Fall, als der damals 18-jährige Thomas Muster als bester Österreicher auf dem 119. Rang zu finden war und gerade einen Aufstieg bis zur Nummer 1 begonnen hat.

Der danach von Muster, Horst Skoff, Alex Antonitsch und etwas später auch von Gilbert Schaller ausgelöste Tennis-Boom Anfang und Mitte der 90er Jahre beflügelte viele Kinder und Jugendliche, es auch selbst im Tennis zu versuchen und schuf eine Breite, die in Folge auch für zahlreiche heimische Spitzenspieler sorgte.

Bresnik: "Das ist wirklich bitter"

Während es vor Muster nur Peter Feigl und Hans Kary in die Top 100 schafften, stießen nach 1986 inklusive Muster 16 verschiedene ÖTV-Herren in diesen elitären Kreis vor. Nicht wenige, für ein kleines Land wie Österreich.

36 Jahre später sind die Top 100 nun wieder gänzlich ohne rot-weiß-rotem Athleten.

"Das ist wirklich bitter", zeigt sich auch Ex-Thiem-Coach Günter Bresnik im Gespräch mit LAOLA1 von dieser Entwicklung erschüttert. "In erster Linie für die Sportler selbst, es ist aber auch ein Indiz dafür, dass in der Vergangenheit nicht alles optimal gelaufen ist."

"Außerdem sieht man nun, wie wichtig die Ära von Muster, Skoff, Antonitsch und Schaller war. Die haben damals eine dauerhafte Verbesserung im österreichischen Tennis bewirkt. Alle, die danach gekommen sind, wie Stefan Koubek oder Markus Hipfl, sind im Soge dieser Ära entstanden. Das sind alles Nachwehen aus dieser Zeit."

Kritik an Verbandsarbeit der letzten Jahre

Diese "erste Generation, die danach gekommen ist", sei "noch eine Verbands-Generation" gewesen. "Die wurden in den Landesverbänden ausgebildet und sind danach in der Südstadt gut weiterentwickelt worden. Das ist danach abgerissen. Das predige ich seit den 90er Jahren, dass das einfach fehlt", merkt Bresnik, der selbst in der Südstadt eine Tennis-Akademie mit Topspielern wie Gael Monfils oder Dennis Novak führt, an.

Vor etwas über einem Jahr übernahm Jürgen Melzer das Amt als neuer ÖTV-Sportdirektor. Eines seiner erklärten Ziele bei Amtsantritt war es, wieder mehr erfolgreiche Jugendliche für Tennis-Österreich zu produzieren.

Vor allem auf dem Turniersektor hat sich seitdem einiges getan. Während es in den vorangegangenen zehn Jahren so gut wie keine kleineren internationalen Events gab, finden heuer bereits drei Challenger- und acht Future-Turniere in Österreich statt, wo heimische Nachwuchspieler kostengünstig erste Schritte auf internationaler Ebene setzen können.

In der vergangenen Woche erreichten beispielsweise beim erstmals ausgetragenen Mauthausen-Challenger gleich fünf ÖTV-Spieler das Achtelfinale. Zudem holte sich Jurij Rodionov mit seinem Turniersieg wichtige 100 Punkte für die Weltrangliste, dank derer er sich sogar zur neuen heimischen Nummer eins küren konnte - knapp vor Dennis Novak, der in Mauthausen erst im Halbfinale scheiterte.

Ausbildung der Jüngsten muss besser werden

"Jürgen ist extrem bemüht und fleißig. Es dauert aber einfach seine Zeit, bis man da etwas bewegen kann", so Bresnik, der den größten Nachholbedarf vor allem bei der Ausbildung der Jüngsten sieht.

"Das Wichtigste wären meiner Meinung nach gut ausgebildete Trainer, die den Kindern schon in jungen Jahren eine gute technische Basis beibringen."

Bresnik fordert bessere Arbeit in der Basis

"Das Wichtigste wären meiner Meinung nach gut ausgebildete Trainer, die den Kindern schon in jungen Jahren eine gute technische Basis beibringen. Und damit meine ich keinen Trainer, der dem Djokovic die richtige Vorhand beibringen kann, sondern Trainer, die den Kindern den richtigen Griff, den richtigen Aufschwung, die richtige Beinarbeit und den richtigen Treffpunkt bei den drei Basisschlägen beibringen."

"Dann hast du eine Vielzahl an guten 12-Jährigen, die du dann richtig auf Leistungstennis 'herbeuteln' kannst. Wenn du in diesem Alter aber erst beim Kind einen Schlag umlernen musst, dann ist das Kind arm dran, denn bei den internationalen Turnieren können die Kinder das alle schon", erklärt Bresnik die Problematik.

Kurzfristig hängen alle Hoffnungen an Thiem

Klar ist aber auch, dass selbst bei einer baldigen Umsetzung dieser Vorschläge noch viel Wasser die Donau herunterfließen wird, ehe die ersten Profiteure dank dieser Verbesserungen für Österreich in die Top 100 der Weltrangliste einziehen werden.

Bedeutend schneller kehrt aus rot-weiß-roter Sicht hoffentlich bald wieder Dominic Thiem in die Top 100 zurück. Das Comeback nach neunmonatiger Verletzungspause läuft derzeit freilich etwas holprig. Nach vier Matches wartet der ehemalige Weltranglisten-Dritte und US Open-Sieger von 2020 immer noch auf seinen ersten Sieg.

"Ich habe sicher nicht erwartet, dass sich gleich zu Beginn wieder die großen Erfolge einstellen. Ich glaube aber schon, dass er es wieder schafft, zu alter Stärke zurückzufinden", ist Bresnik von seinem ehemaligen Schützling trotz aller aktuellen Probleme überzeugt.

Keine Bresnik-Ratschläge für Thiem

Große Ratschläge will er Thiem aber keine geben: "Ich habe es immer gehasst, wenn man Sachen beurteilt, bei denen man keine Interna kennt. Ich war selber oft davon betroffen, dass Leute Dinge kritisieren, die sie überhaupt nicht verstehen, keine Ahnung davon haben oder auch nicht wissen, warum etwas so ist, wie es ist."

Und Bresnik selbst fehle mittlerweile einfach der Einblick bei Thiem: "Ich weiß nicht, ob ihm noch etwas weh tut, wie die Verletzung ist und ich hab auch nie ein Foto davon gesehen bzw. mit einem Arzt darüber gesprochen. In erster Linie müsste man mit ihm drüber reden. Ich weiß auch nicht, ob man etwas besser machen könnte, als man es eh schon tut. Das ist schwer zu sagen."

"Kann nicht erwarten, dass nach drei Matches alles passt"

"Ich kann aus meiner langjährigen Zusammenarbeit mit Dominic nur sagen, dass es selten etwas gab, das er von Anfang an gut gemacht hat – das war immer ein längerer Prozess. Deshalb kann ich auch nicht erwarten, dass nach drei Matches wieder alles passt", so Bresnik, der zudem darauf verweist, dass gerade die kürzliche Auftaktniederlage in Madrid gegen Andy Murray in die richtige Relation zu setzen sei.

Schließlich habe der Schotte nach Thiem auch den Kanadier Denis Shapovalov in die Schranken verwiesen – seines Zeichens immerhin die aktuelle Nummer 16 der Welt. Dementsprechend brauche man Murray auch nicht als "hatscherten, oiden Hund mit kaputter Hüfte" bezeichnen, wie es manche nach dessen Sieg über Thiem getan haben.

"Murray ist ein richtig guter Spieler und auch schon seit längerer Zeit wieder zurück. Dominic ist frisch von der Verletzung zurück und es ist für ihn auch Neuland, weil er noch nie zuvor so lange verletzt war. Das braucht sicher seine Zeit."

Diese Zeit solle man Thiem geben. Große Ratschläge von außen bräuchte es dafür nicht bzw. würden auch aus zuvor genannten Gründen nicht helfen: "Wie gesagt: Man soll nie Dinge beurteilen, deren wahren Hintergründe man nicht kennt. Ein Ur-Credo von mir ist die Ursachenforschung – wenn ich die nicht machen kann: 'Halt die Pappen dazu'", so Bresnik.

Textquelle: © LAOLA1.at Zum Seitenanfang »

LAOLA Meins - Tags folgen

KOMMENTARE..